Poster Über sexuellen Misbrauch sprechen
© HAWK
Kinder und Jugendliche, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, benötigen professionelle Hilfe, um ihre belastenden oder gar traumatischen Erfahrungen bewältigen zu können. Diese Hilfe bezeichnet man als Tertiärprävention oder Intervention. Als Primärprävention wird der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt genannt und Sekundärprävention meint die (möglichst frühe) Aufdeckung von sexuellem Missbrauch (Amann, 2023). Um auf allen drei Ebenen der Prävention tätig werden zu können, müssen pädagogische Fachkräfte dafür geschult sein.
Mit der Studienvertiefung KiMsta besteht im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit für Studierende die Möglichkeit, eine solche Schulung zu durchlaufen und sich dadurch schon im Verlauf ihres Studiums als kompetente Ansprechpersonen für ein hochaktuelles und relevantes Thema ihres zukünftigen Berufsalltags zu qualifizieren.
Seit dem Missbrauchsskandal im Jahr 2010, als zahlreiche Menschen über sexualisierte Gewalt berichteten, die sie in ihrer Kindheit und Jugend erlebt hatten, hat das Thema „sexueller Missbrauch“ die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit geweckt (Bergmann 2024). Auch die Politik hat das Thema aufgegriffen und in der Auseinandersetzung damit den Qualifizierungsbedarf von Sozialarbeitenden und anderen professionellen Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen erkannt, was sich mit einem deutlichen Appell an die Hoch- und Fachschulen verbindet. So fordert die Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM): „Guter und professioneller Kinderschutz braucht sehr gut qualifizierte Fachkräfte […]. Wissen zum Kinderschutz und die Vermittlung von Handlungskompetenz bei Kinderschutzfällen, insbesondere bei sexueller Gewalt, muss […] Pflichtbestandteil aller für den Kinderschutz relevanten Studiengänge und Ausbildungen werden. Dazu gehört das Studium der Sozialen Arbeit […] " (Kerstin Claus im Interview mit Julia Gebrande, 2024, S. 97).
In den Jahren 2012 und 2016 hatte bereits der Vorgänger der aktuellen Unabhängigen Beauftragten mit den Dachorganisationen u.a. von Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, Kindertagesstätten sowie Internaten schriftliche Vereinbarungen getroffen, in denen sich die Dachorganisationen dazu verpflichten, dass ihr Personal im Umgang mit sexuellem Missbrauch qualifiziert ist (Arbeitsstab des UBSKM, 2016). Der mit dem Abschluss der Studienvertiefung KiMsta einhergehende Nachweis ist deshalb von Vorteil für Bewerbungen.
Ende 2019 hat sich auf bundespolitischer Ebene der Nationale Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen konstituiert und hat 2022 zum Ziel erklärt, das Thema Kinderschutz in der Ausbildung aller relevanten Berufe zu verankern (Nationaler Rat, 2022), was vom Fachbereichstag Soziale Arbeit unterstützt wird (Nationaler Rat, 2021).
Auch auf Landesebene engagiert sich die Politik für das Thema. Von Herbst 2020 bis Herbst 2022 wurde eine Enquetekommission eingesetzt, um Kinder in Niedersachsen besser vor sexueller Gewalt zu schützen. Der Kommission oblag die Aufgabe, die Ergebnisse der bisherigen parlamentarischen, praktischen und wissenschaftlichen Bemühungen zur Verhinderung von Missbrauch und sexualisierter Gewalt an Kindern zusammenzutragen und auszuwerten, um Verbesserungsmöglichkeiten zu bestehenden Maßnahmen zu erarbeiten (Kinderschutz in Niedersachsen, 2025; Niedersächsischer Landtag, 2022).
Ein auf wissenschaftlicher Basis gründendes Projekt, das die benannten politischen Ziele unterstützt, ist die Studienvertiefung KiMsta.
Von 2010 bis 2014 wurde an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der HAWK das Forschungsprojekt KiMsta (Kinder mit Missbrauchserfahrungen stabilisieren) durchgeführt. Ziel des Projekts war es, auf der Basis dreier aufeinander aufbauender Studien (zwei Interview-Studien mit Expert*innen im Bereich „Sexueller Missbrauch und Traumatisierung“ sowie eine schriftliche Befragung von über 700 pädagogischen Fachkräften aus Kindertagesstätten sowie Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen) den Qualifizierungsbedarf pädagogischer Fachkräfte in Bezug auf das Thema Sexueller Missbrauch zu erfassen (Gebrande, 2014; Wittmann, 2014).
Aufbauend auf den Resultaten entstand zum einen eine auf die zentralen Inhalte zugeschnittene Weiterbildung für bereits in der Praxis tätige Fachkräfte. (Weitere Informationen hierzu finden sich unter folgendem Link: https://www.hawk.de/de/studium/fort-und-weiterbildung/kinder-mit-missbrauchserfahrungen-stabilisieren.) Zum anderen wurde für die Studiengänge Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik die Studienvertiefung „KiMsta“ entwickelt, die seit 2015 angeboten wird (Wittmann, 2015 und 2025). Auf der Grundlage der ersten Evaluationsergebnisse drei Jahre später (Wittmann & Ebert, 2018; Wittmann, 2018) sowie des kontinuierlichen Austauschs mit der Praxis und des kollegialen Diskurses erfolgten seitdem einige Modifikationen und Erweiterungen.
In der Studienvertiefung lernen die Teilnehmenden,
Das Curriculum umfasst sechs Lehrveranstaltungen im Umfang von 18 SWS und vermittelt über einen Zeitraum von vier Semestern Handlungskompetenzen im Bereich der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention von sexuellem Missbrauch. Es ist aus fünf Modulen aufgebaut, die aus jeweils drei Lernbereichen bestehen. Unter dem Reiter „Posterpräsentation des KiMsta-Curriculums“ finden Sie zu jedem Modul ein elektronisches Poster, das die in der Studienvertiefung vermittelten Inhalte in der Übersicht präsentiert.
| Semester | Lehrveranstaltung | Modul | SWS |
|---|---|---|---|
| 2. | Professionelle Identitätsbildung | S 02: Professionelle Identitätsbildung | 2 |
| 2. | Sexueller Missbrauch: Hinsehen, Handeln, Helfen | S 07: Psychologie in der Sozialen Arbeit | 2 |
| 3. und 4. | Beratung | S 10.1 + S 10.2: Gesprächsführung und Beratung I + II | 8 |
| 4. | Sexuelle Bildung in Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe | S 14.1: Handlungsfelder, Menschenrechte,Diversity I | 2 |
| 5. | Vertiefung SGB VIII - Kindeswohlgefährdung | S 15: Recht in ausgewählten Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit | 2 |
| 5. | Professionelle Standards und berufliche Ethik in der Sozialen Arbeit | S 14.2: Handlungsfelder, Menschenrechte, Diversity II | 2 |
| insgesamt 18 SWS | |||
Weitere Informationen zu den Inhalten finden sich im Downloadbereich in der Datei Lerneinheiten.
| Semester | Lehrveranstaltung | Modul | SWS |
| 2. | Praxisreflexion und Handlungsfelder | S 02: Einführung in die Profession der Sozialen Arbeit | 2 |
| 2. | Sexueller Missbrauch: Hinsehen, Handeln, Helfen | S 07: Psychologische Maßnahmen zur Prävention und Intervention | 2 |
| 3. u. 4. | Beratung | S 11: Gesprächsführung und Beratung | 8 |
| 4. | Sexuelle Bildung in Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe | S 13: Menschenrechte und Diskriminierung: Handlungsfelder der Sozialen Arbeit | 2 |
| 5. | Vertiefung SGB VIII - Kindeswohlgefährdung | S 14: Recht in ausgewählten Handlungsfeldern | 2 |
| 5. | Begleitveranstaltung | S 15: Vertiefungspraktikum | 2 |
| S = 18 |
Weitere Informationen zu den Inhalten finden sich im Downloadbereich in der Datei Lerneinheiten.
Studierende, die die oben aufgeführten Seminare im Rahmen des KiMsta-Curriculums belegen möchten, teilen dies den jeweiligen Dozierenden zu Beginn des Semesters mit. In den Lehrveranstaltungen des Curriculums müssen mindestens zwei Prüfungen mit einem expliziten Bezug zum Thema Sexueller Missbrauch abgelegt werden. Bei einem Leistungsnachweis sollte es sich um den Praxisbericht im Modul S 15 handeln, innerhalb dessen eine Auseinandersetzung mit den primär-, sekundär- und/oder tertiärpräventiven Maßnahmen der Einrichtung erfolgt. Eine regelmäßige Teilnahme an den Seminaren und ggf. die Ableistung einer themenspezifischen Prüfung werden von den Dozierenden am Ende des Semesters in einer Curriculumverlaufsdokumentation bescheinigt.
Der Curriculumverlaufsbogen und eine Übersicht der Lerneinheiten des KiMsta-Curriculums können nachfolgend heruntergeladen werden.
Seit seiner Einführung hat das KiMsta-Curriculum viel positive Resonanz erfahren. Aufgrund des mittlerweile bekannten Ausmaßes von sexuellem Missbrauch ist den Studierenden sehr bewusst, dass sie alle als Sozialarbeitende in ihrem Berufsleben mit von sexuellem Missbrauch Betroffenen und vor Missbrauch zu Schützenden in Berührung kommen werden. Die Studienvertiefung KiMsta bietet eine ausgezeichnete Möglichkeit, während des Studiums fundierte Handlungskompetenzen im Themenfeld „Sexueller Missbrauch und Traumatisierung“ zu erwerben, die für die Praxis von hoher Relevanz sind, eigene Handlungssicherheit schaffen und von Arbeitgeber*innen auch erwartet werden.
Die stetig zunehmenden KiMsta-Absolvent*innen sind mittlerweile als Multiplikator*innen für das Thema in unterschiedlichen Praxisbereichen wie Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe, Schulen, Beratungsstellen und im Jugendamt tätig. Eine ehemalige Studentin führt beispielsweise ein selbst entwickeltes Programm zur Prävention von sexuellem Missbrauch mit Grundschulkindern durch, andere arbeiten traumapädagogisch im stationären Setting oder sind bereits selbst als Referent*innen zu dem Thema Sexueller Missbrauch tätig. Je mehr qualifizierte Sozialarbeitende dazu kommen, desto mehr können sie bewirken.
Untenstehend sehen Sie die Poster zum Curriculum. In folgender Datei findet Sie Angaben zu den zugrundeliegenden Quellen: Quellen KiMsta-Poster
Die Quellen sind außerdem über den QR-Code auf den Postern einsehbar.
Im Reinhardt-Verlag ist eine überarbeitete und aktualisierte Auflage des Buches „Kinder mit sexuellen Missbrauchserfahrungen stabilisieren – Handlungssicherheit für den pädagogischen Alltag“ erschienen. Dieses Arbeitsbuch unterstützt die Teilnehmenden der Studienvertiefung in ihrem begleitenden Selbststudium und wendet sich zudem an Praktiker*innen (in erster Linie pädagogische Fachkräfte, aber auch Lehrkräfte, Berater*innen und Ehrenamtliche), die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, die von sexualisierter Gewalt betroffen waren oder die davor zu schützen sind.